Verbindlichkeit? Mein Hund hat da eine deutlichere Meinung.
Mit 65 Jahren darf man sich ein kleines Fazit erlauben. Nicht das endgültige – dafür überrascht das Leben ja immer wieder gern –, aber immerhin ein Zwischenbericht.
Ich hatte im Laufe der Jahre einige Beziehungen. Manche waren kurz, manche länger, manche hätten auch eine Postkarte sein können. Ich habe geliebt, gehofft, diskutiert, verziehen, gelacht und gelegentlich gedacht: "Jetzt müsste es doch langsam einfacher werden."
Inja: Wird es nicht.
Was mir allerdings auffällt: Mit Freundinnen hatte ich fast immer Glück. Da wurde zugehört, nachgefragt, mitgelacht und auch mal Klartext geredet. Man konnte sich aufeinander verlassen. Wenn etwas war, wurde telefoniert. Wenn nichts war, auch. Eine wunderbare Erfindung.
Mit Männern ... nun ja. Da habe ich inzwischen eine beeindruckende Sammlung an Geschichten. Manche wären romantische Komödien geworden, andere eher Dokumentationen über verschollene Kommunikationsformen.
Es gibt diese faszinierende Spezies Mann, die am Anfang täglich schreibt: "Guten Morgen, du wunderbarer Mensch." Zwei Monate später besteht die gesamte Kommunikation aus einem Daumen-hoch-Emoji. Fortschritt sieht anders aus.
Oder diejenigen, die sagen: "Ich suche etwas Ernstes." Das stimmt vermutlich. Nur leider suchen sie es offensichtlich woanders.
Und dann gibt es meinen Hund.
Der freut sich jeden Tag, als hätte ich gerade den Weltfrieden ausgehandelt. Ich komme nach zehn Minuten vom Briefkasten zurück, und er benimmt sich, als wäre ich von einer dreijährigen Expedition durch den Himalaya heimgekehrt.
Er interessiert sich tatsächlich für mich. Wenn ich traurig bin, legt er den Kopf auf mein Knie. Wenn ich lache, wedelt er mit dem Schwanz. Wenn ich rede, unterbricht er mich nicht mit einem Vortrag über den Ölwechsel seines Autos.
Er ghostet mich nie.
Er braucht keine drei Tage, um auf eine Nachricht zu antworten.
Er sagt nicht: "Ich brauche gerade Abstand." Höchstens, wenn ich mit der Hundebürste auftauche.
Und das Beste: Seine Zuneigung ist keine Strategie. Er spielt keine Spielchen. Er macht sich nicht rar, weil irgendein Beziehungscoach behauptet hat, das erhöhe den Marktwert.
Natürlich weiß ich: Hunde und Menschen kann man nicht vergleichen. Hunde sind einfacher. Ehrlicher. Und sie fragen sich nicht ständig, ob sie jetzt zu viel Nähe zeigen oder zu wenig.
Manchmal frage ich mich allerdings schon, was mit unserer Vorstellung von Verbindlichkeit passiert ist.
Früher war Verbindlichkeit nichts Altmodisches. Sie bedeutete nicht, dass man jeden Tag Händchen halten musste. Sie bedeutete einfach: Wenn ich sage, ich melde mich, dann melde ich mich. Wenn ich jemanden mag, lasse ich ihn das wissen. Wenn etwas nicht passt, spreche ich darüber, statt lautlos zu verschwinden.
Heute scheint Unverbindlichkeit manchmal fast als Tugend zu gelten. Möglichst viele Optionen offenhalten. Bloß nichts festlegen. Immer könnte ja noch etwas Besseres vorbeikommen.
Vielleicht bin ich mit 65 einfach aus der Mode geraten.
Oder vielleicht bin ich gerade deshalb erstaunlich modern, weil ich weiß, was ich will.
Ich wünsche mir keinen Märchenprinzen. Der hätte ohnehin keine Chance gegen meinen Hund.
Ich wünsche mir nur einen Menschen, der zuverlässig ist. Der auftaucht, wenn er sagt, dass er kommt. Der ehrlich ist, auch wenn es unbequem wird. Der versteht, dass Aufmerksamkeit kein Luxus ist, sondern eine Form von Wertschätzung.
Ist das wirklich schon zu viel verlangt?
Mein Hund würde vermutlich verständnislos den Kopf schief legen.
Für ihn ist die Sache ganz einfach: Wer zu seinem Rudel gehört, zu dem hält man. Punkt.
Vielleicht sind Hunde gar nicht treuer als Menschen.
Vielleicht erinnern sie uns nur daran, wie unkompliziert echte Zuneigung sein kann.
Und bis ich einem Mann begegne, der sich ähnlich selbstverständlich freut, wenn ich nach zehn Minuten mit dem Einkauf zurückkomme, genieße ich eben die Gesellschaft meines vierbeinigen Mitbewohners.
Der hat zwar noch nie "Ich liebe dich" gesagt.
Aber er zeigt es jeden einzelnen Tag.
Und manchmal, da denke ich: Genau so sieht Verbindlichkeit aus. 🙏