Glück

Veröffentlicht am 17. Juli 2026 um 12:19

Glück trägt manchmal Fell – und hat selten einen Terminkalender

Früher dachte ich, Glück sei etwas Grosses.

Ein Sechser im Lotto. Ein Traumhaus am See. Nie mehr Rückenschmerzen. Oder dass der Kühlschrank sich von allein füllt. Letzteres wäre übrigens immer noch eine fantastische Erfindung.

Mit 65 weiss ich: Glück hat einen ziemlich schlechten Sinn für grosse Auftritte. Es schleicht sich lieber durch die Hintertür hinein und setzt sich ungefragt neben einen. Man muss nur hinschauen.

Mein grösster Glücksexperte lebt auf vier Pfoten.

Mein Therapiehund interessiert sich weder für mein Alter noch für meine To-do-Liste. Er findet mich morgens grossartig – sogar mit zerzausten Haaren. Diese Begeisterung hat bisher noch kein Mensch vor dem ersten Kaffee aufgebracht.

Von ihm lerne ich täglich eine wichtige Lektion: Freu dich über das, was gerade da ist. Über den Spaziergang. Den Geruch des Waldes. Ein Leckerli. Wobei ich zugeben muss, dass unsere Vorstellungen von einem guten Snack leicht auseinandergehen.

Dabei war das Leben nicht immer leicht.

Nach meinem schweren Velounfall gab es Tage, an denen ich mich fragte, ob das Leben jemals wieder unbeschwert sein würde. Dazu kamen depressive Phasen, die alles grau färbten – sogar sonnige Tage.

Wer so etwas erlebt hat, weiss: Glück verschwindet nicht. Es versteckt sich nur ziemlich gut.

Heute weiss ich, dass es Geduld braucht. Und manchmal Menschen, die einem ein Stück Hoffnung leihen, bis man selbst wieder genug davon hat.

Zu diesen Menschen gehören meine wunderbaren Freundinnen.

Sie lachen mit mir. Sie hören zu. Sie erinnern mich daran, dass man auch mit 65 noch Blödsinn machen darf. Eigentlich sollte das sogar Pflicht werden. Denn wer sagt denn, dass Vernunft automatisch mit dem Rentenalter geliefert wird?

Auch draussen wartet das Glück erstaunlich zuverlässig.

Im Wald scheint mein Kopf automatisch leiser zu werden. Am Fluss fliesst nicht nur Wasser vorbei, sondern auch so manche Sorge. Die Natur stellt keine Fragen. Sie erwartet nichts. Sie sagt einfach: «Setz dich einen Moment hin. Der Rest kann warten.»

Und dann ist da noch das Campen.

Ich liebe dieses kleine Abenteuer auf Rädern.

Man weiss morgens nie genau, wen man trifft. Vielleicht ein pensioniertes Ehepaar mit einem Geheimrezept für Apfelkuchen. Vielleicht einen Alleinreisenden, der Geschichten aus halb Europa erzählt. Vielleicht einfach einen wunderschönen Sonnenuntergang, der gratis ist und trotzdem unbezahlbar.

Camping erinnert mich daran, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein. Ausser vielleicht eine funktionierende Kaffeemaschine. Man soll ja realistisch bleiben.

Was also ist Glück?

Für mich ist es kein Dauerzustand. Kein Ziel, das man irgendwann erreicht und dann für immer abhaken kann.

Glück ist eher wie ein scheuer Vogel. Wenn man ihm hinterherjagt, fliegt er davon. Bleibt man ruhig sitzen, landet er manchmal direkt neben einem.

Heute freue ich mich über Dinge, die ich früher kaum beachtet hätte.

Über einen schmerzarmen Tag. Über das warme Fell meines Hundes. Über das Lachen mit Freundinnen. Über den Duft des Waldes nach einem Sommerregen. Über einen Campingplatz, auf dem aus Fremden oft nette Bekanntschaften werden.

Und ja – sogar darüber, morgens ohne grosses Knirschen aus dem Bett zu kommen. Mit 65 darf man solche Erfolge durchaus feiern.

Mein Leben hat Narben. Sichtbare und vor allem Unsichtbare in meinet Psyche und um Hirn.

Aber genau sie haben mir gezeigt, dass Glück nicht bedeutet, nie zu fallen. Glück bedeutet, wieder aufzustehen. Manchmal langsam. Manchmal mit Unterstützung. Oft mit einem Hund an der Seite.

Und falls mich heute jemand fragt, wo das Glück wohnt, dann würde ich sagen:

Wahrscheinlich irgendwo zwischen einem Waldweg, einem plätschernden Fluss, einem Campingstuhl, guten Freundinnen und einer feuchten Hundenase.

Und genau dort gefällt es mir ganz ausgezeichnet.

Ich glaube übrigens, dass genau diese Mischung – Selbstironie, Lebenserfahrung und Dankbarkeit – auch Glück bedeuten kann, und kann wie ein neues Leben sein.🙏